Schattenprojektionen

Blog des Forschungsprojektes „Projektionen. Die Lehrsammlung Robert Wichard Pohl“

August 26, 2020

Konzept II - Die Lehrsammlung als Laborraum

Experimentieren als Methode der Historiographie

Im ersten konzeptionellen Beitrag argumentierte ich mit Ceri Pitches, dass es analytisch ergiebig sein kann, Vorlesungen als Performance zu charakterisieren. Die Übertragung des Performance-Modells auf kulturelle Handlungen, die nicht durch die Akteur*innen als Performance codiert sind – etwa Rituale (Schechner 20035TT6XL9D: 52 ff.) – ist jedoch nicht unproblematisch. Im Analogie-Kurzschluss läuft die Analyse Gefahr, ein unterkomplexes, vermeintlich wie ein Theaterstück lesbares und diesem gleichgestelltes Ereignis zu konstruieren (Bell 2007MET6SJM6). Verbalisierbares tritt dadurch unberechtiger Weise als dominante Wissensform auf, wie der Ethnologe Dwight Conquergood ausführt: „What gets squeezed out by this epistemic violence is the whole realm of complex, finely nuanced meaning that is embodied, tacit, intoned, gestured, improvised, coexperienced, covert – and all the more deeply meaningful because of its refusal to be spelled out.“ (Conquergood 2007R33WVJYZ: 370) Conquergood plädiert daher für ein Verständnis von Performance, dass sich nicht auf die eines Untersuchungsgegenstands oder Analysemodells beschränkt. Sie sollte vielmehr „as a tactics of invention, an alternative space of struggle“ (Conquergood 2007R33WVJYZ: 376) selbst praktiziertes Element von Forschung sein.

Dieser für die Performance Studies augenscheinlich ungewöhnliche Gedanke scheint mir im weiteren Umfeld der Wissenschaftsgeschichte überraschend weit ausgearbeitet zu sein. Während die Theater-Analogie nur hin und wieder auftaucht (etwa Morus 2010VNPKBKBL, Peters 2011X8AQHZJ6), gibt es zwei Felder, in denen Performance als erstaunlich elaborierte Forschungspraxis auftritt: die experimentelle Wissenschaftsgeschichte und die experimentelle Medienarchäologie. Beide Ansätze leben von einer Reinszenierung – in der experimentellen Wissenschaftsgesichte ist von „Wiederaufführung“ oder „Replikation“ die Rede – historischer Praktiken und der Reflexion auf das Verhältnis zwischen dieser modernen Reproduktion und ihrem historischen und damit ‚authentischen‘ Gegenstück.

Die Wiederaufführung historischer Versuche

Die experimentelle Wissenschaftsgeschichte (Breidbach et al. 2010ESFXU7HB) konzentriert sich auf die Materialität und Handhabung von Forschungsapparaten und die damit verbundenen Darstellungsmethoden. Im Zentrum stehen Nachbauten einschlägiger, oft berühmter Instrumente nach historischen Aufzeichnungen und deren Verwendung in Schlüsselexperimenten, um insbesondere dem daran beteiligten, nicht verbalisierten und impliziten Handlungswissen auf die Spur zu kommen. Eine der bekanntesten Arbeiten in diesem Bereich ist H. Otto Sibums (1995B7F6HZSG) Studie zu James Prescott Joules Versuchen zur Bestimmung des mechanischen Wärmeäquivalents aus den 1830er und 1840er Jahren. Dabei rotiert ein Paddel in einem Wassertank und es wird das Verhältnis von aufgebrachter Kraft zur Temperaturerhöhung durch die Bewegung bestimmt (hier für Bilder zum historischen Versuch und der Replikation klicken). Sibum konnte mit seinem Versuchen an einem Nachbau unter anderem zeigen, dass Joule die genauesten Thermometer seiner Zeit nur dank eines umfangreichen Wissens als herstellen konnte. Zudem wurde durch die Wiederaufführung deutlich, dass der Experimentator in seinen Körpertechniken vom Experiment in spezifischer Weise zugerichtet wird: Bewegt er sich nämlich bei der körperlich anstrengenden Ausführung ‚falsch‘, beeinflusst seine Muskelarbeit die Temperatur im Raum und damit auch im Flüssigkeitstank so, dass die Ergebnisse nicht mehr zu verwerten sind.

Dass schon einfachste Experimente komplexes „gestural knowledge“ (Sibum 1995B7F6HZSG: 85) voraussetzen, habe ich 2004 während meines Studiums in einem entsprechenden Praktikum am eigenen Leib erfahren. Über eine Woche nährten wir uns der Elektrizitätslehre um 1800 mit den Methoden der experimentellen Wissenschaftsgeschichte an und produzierten mit den Phänomenen vorrangig aus dem Bereich der Reibungselektrizität auch differenziertes körperliches Erfahrungswissen. Dabei wurden wir unter anderem von Jan Frercks angeleitet, der an der Universität Oldenburg im Feld der experimentellen Wissenschaftsgeschichte promoviert hat (Frercks 2001ENNVVGZP).

Christian Reiß und ich im Jahre 2004 beim meist erfolglosen Versuch, der Replikation einer Elektrisiermaschine des ausgehenden 18. Jahrhunderts Phänomene zu entlocken (Foto: Heiko Weber).

Im Praktikumsbericht kamen wir Teilnehmenden damals zu dem Schluss, dass sich durch die Annäherung an ein historisches Experiment mit den Methoden der experimentellen Wissenschaftsgeschichte kein historisches Handlungswissen rekonstruieren lässt. Vielmehr erwirbt man selbst ein aktuelles Handlungswissen, dass sich in Beziehung zum historischen Fall setzen lässt. Dies erfolgte sowohl durch uns als auch in den einschlägigen Arbeiten der experimentellen Wissenschaftsgeschichte schriftlich. Es werden also mit den historischen Experimenten auch die Aufzeichnungspraktiken des Forschungsgegenstandes repliziert, der textfokussiert arbeitet: Experimentelle Wissenschaftsgeschichte dokumentiert auf Papier, in Versuchsprotokollen und reflexiven Texten – körperbezogenen Wissensformen wird damit im Sinne Conquergoods „epistemic violence“ angetan.

Re-enactments historischer Medienerfahrung

Etwas anders verhält es sich in der experimentellen Medienarchäologie, die eben nicht auf unikale Forschungsexperimente, sondern historische massenmediale Alltagserfahrung ausgerichtet ist. Zwar wird auch hier vergangene Praxis wieder in Aktion gesetzt, zum Einsatz kommen dabei aber die seinerzeitige industrielle Massenproduktion, keine aufwändigen Nachbauten. Dafür benötigt man nur historisches Equipment, dass tatsächlich eingsetzt und nicht nur betrachtet wird, wie der Technikhistoriker Andreas Fickers ausführt: „Museen und Archive könnten so zu Laboratorien, zu konkreten Orten experimenteller Welterschließung werden.“ (Fickers 2015ZKDHIIR6: 80) Was das bedeuten kann, wird 2014 in einem „wohnzimmerartig gestalteten Laborraum“ (Fickers 2015ZKDHIIR6: 84) im Rahmen eines Filmsymposiums in Amsterdam vorgeführt. Während Fickers in einem Sessel auf der Bühne als Off-Erzähler die ‚Handlung‘ charakterisierte, performten Studierende den Gebrauch von 8mm-Film, Magnetbandvideo und Streaming mediengerecht auf Leinwand, Röhrenfernsehgerät und Mobiltelefon.

Konsequent werden hier also (historische) Performances auch in Form von Performances beforscht, aufgezeichnet und reflektiert, wobei sich die Beteiligten darüber im Klaren sind, dass diese Performance-Ereignisse in einem komplexen Verhältnis zueinander stehen:

The heuristic value of doing historical re-enactments lies therefore not in the (impossible) reconstruction of an ‚authentic‘ historical experience, but in creating a sensorial and intellectual experiment that will demonstrate the differences between textual, visual, and performative approaches to the past. In other words, it is not so much the ‚correctness‘ of these re-enactments that is at stake, but their productivity […] (Fickers & van den Oever 2013GWTAG8VH: 275)

Pohl performen

Eher mit deskriptiver als analytischer Absicht habe ich kürzlich probeweise Filmaufnahmen zum Handling von Lehrequipment erstellt, unter anderem zur Kombination ‚Normalprofil, Reiter und Linse‘, wie sie in zahllosen Demonstrationsexperimenten zum Einsatz kommt. Wie die aufgebrachten Stempel zeigen, stammen die Objekte aus Pohls privater Lehrsammlung, die 1932 von der Universität angekauft wurde (UniGoe, Kur. 11036, Bd. 1, Bl. 122).

Dokumentationsversuch zum Thema „Normalprofil, Reiter, Linse“ (Michael Markert).

Dieser kurze Clip stellt einen sonst in filmischen Inszenierungen physikalischer Lehrversuche meist unsichtbaren Aspekt ins Zentrum – den Aufbau derselben vor der Aufführung. Mit der neu hinzugekommenen Perspektive der experimentellen Medienarchälogie werde ich diese experimentelle Filmarbeit nun intensivieren und stärker als Forschungsinstrument einbinden. Zum Oktober stelle ich eine Master-Studentin der Visuellen Anthropologie als Hilfskraft ein, mit der ich ein Konzept für die filmische Dokumentation der physikalischer Lehre im Sinne Pohls entwickeln und umsetzen möchte.

Ungelöst bleibt für mich vorerst das schon im ersten konzeptionellen Blogbeitrag adressierte Problem, dass Dinge in performancefokussierten Ansätzen zwar genutzt, aber oft nicht zum Untersuchungsgegenstand gemacht werden. Vielleicht bietet sich hier eine Verschränkung von experimenteller Wissenschaftsgeschichte und experimenteller Medienarchäologie an. In ersterer werden Material und Konstruktion historischer Geräte akribisch beforscht und diese damit im Sinne Rheinbergers (20015PCU3JT4) (wieder) zu epistemischen Dingen gemacht, während zweitere auf einen quasi endlosen Fundus obsolet gewordener Massenware als technische Objekte zugreift und Erkenntnisse aus einem spielerischen Umgang damit generiert, ohne nach deren Materialität zu fragen. Die weitere Arbeit wird zeigen, ob dies so aufgeht oder einer Ergänzung bedarf.